Altmühlbote vom 05.08.2016:


Wertvoller Dienst, wenn es dem Ende zugeht

Hospizbegleiter haben unterschiedliche Motive für ihr Tun - "Man lernt von den Erfahrungen der anderen"

GUNZENHAUSEN — Eine laue Sommernacht an einem lauschigen Plätzchen im Freien: Mehr braucht es eigentlich nicht für ein gemütliches Grillfest mit angeregten Gesprächen. Doch im Garten von Doris Holz in Theilenhofen geht es nicht nur um Gott und die Welt und den neuesten Klatsch, vielmehr sind immer wieder die Worte Tod und Sterben zu hören. Was vielen ungewöhnlich anmuten mag, gehört für die gesellige Runde quasi zum Alltag: Sie alle sind Ehrenamtliche des ambulanten Hospizdiensts Altmühlfranken im Hospizverein Gunzenhausen.


Aktuell sind es 25 Männer und Frauen, die diesen Dienst am Nächsten leisten, erklären die beiden Koordinatorinnen Sandra Meyer und Doris Hol und freuen sich besonders über die acht Neuzugänge, die jüngst die Ausbildung zum Hospizbegleiter absolviert haben. Die Beweggründe, sich mit dem Thema Tod und Sterben zu beschäftigen - ein Thema, das in der Gesellschaft gerne aus geklammert wird und doch jeden betrifft - sind ganz unterschiedlich. Mal sind es eigene Erlebnisse mit Angehörigen, mal selbst durchgestandene Krankheiten, der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, oder auch der Tod von Freunden.
Dadurch hat zum Beispiel Walter Renger den Weg zum Hospizverein gefunden. Er ist, erzählt er freimütig, seit 1989 trockener Alkoholiker und engagiert sich im Blauen Kreuz und den Anonymen Alkoholikern. Die Alkoholsucht hat ihm etliche Freunde genommen, zwei von ihnen durfte er beim Sterben begleiten. Dabei wurde ihm klar, „dass etwas fehlte, das Handwerkszeug, wie man damit umgehen kann".

„Ein Sechser im Lotto"
Kurzerhand meldete sich der Ramsberger bei der Hospizakademie in Nürnberg an. Im Rahmen der Ausbildung muss jeder 20 Praxisstunden in einem Altenheim oder einem Krankenhaus leisten. „Ich entschied mich für den Evangelischen Krankenverein Gunzenhausen, und das war wie ein Sechser im Lotto", erinnert er sich auch heute noch gerne an die herzliche Aufnahme durch die Verantwortlichen des Krankenvereins, Martin Albrecht und Christa Oechslein. „Schon da dachte ich, mich werdet ihr nicht mehr los!"
Knapp drei Jahre ist das nun her, und Walter Renger ist seitdem nicht nur für den Hospizdienst Altmühlfranken tätig. Einmal die Woche fährt er ins Nürnberger Nordklinikum zu den Patienten auf der Palliativstation und jeden Freitag bietet der gelernte Konditor in den Räumen des Krankenvereins einen Backclub für die Bewohner an. „Es ist eine sinnstiftende Zeit, die ich verschenke und investiere", betont der 66-Jährige, der durch die Gespräche und Besuche bei Schwerkranken und Sterbenden „dankbar ist für jeden Tag".
Dabei ist dieser Dienst auch für die ausgebildeten Begleiter nicht immer einfach. Vor allem, wenn jüngere Menschen im Sterben liegen, komme man an einen Punkt, an dem man sich fragt: „Kann ich da noch Trost spenden?" In solchen Situationen stehen die anderen Ehrenamtlichen mit Rat und Tat zur Seite und die Koordinatorinnen bieten zudem eine Supervision an. „Es ist ganz wichtig, das Erlebte dadurch aufarbeiten zu können", ist Walter Renger überzeugt.      
Ihm liegt die Arbeit des Hospizdiensts spürbar am Herzen: Jüngst war er 770 Kilometer mit dem Rad auf dem Jakobsweg unterwegs. Im Vorfeld hat er sich vier Sponsoren gesucht, die für jeden zurückgelegten Kilometer zehn Cent spendieren. „Das Geld bekommt der Hospizverein", verkündet er wie selbstverständlich.

„Man lernt von den Erfahrungen der anderen", weiß Renate Müller, die seit acht Jahren als Hospizbegleiterin tätig ist und die ein sehr wirkungsvolles Mittel kennt, um mit Tod und Trauer umzugehen: den Humor. „Man bekommt ein unverkrampftes Verhältnis zum Tod, und Lachen ist wie ein Ventil", meint sie. Es ist der würdevolle Umgang mit Sterbenden und Schwerstkranken, der ihr und ihrer „Kollegin" Herta Stadelbauer am Herzen liegen.
Die Dietfurterin wollte nach Eintritt in die Altersteilzeit etwas mit Menschen machen, nachdem „ich mein ganzes Leben lang mit Computern gearbeitet hatte". Den Hospizdienst hat ihr Gott aufs Herz gelegt, erklärt sie. Eigene Erfahrungen mit dem Tod ihrer Mutter haben ihr bewusstgemacht, wie wichtig es ist, einen Menschen in dieser letzten Lebensphase zu begleiten. Und zwar mit Würde und mit Zeit für den Abschied, ohne Hektik und Angst. „Der Mensch ist, auch wenn er tot ist, noch unter uns", lautet ihre Überzeugung. Keinesfalls darf ein Sterbender in eine Abstellkammer geschoben werden.

Belastend — und bereichernd
Anfang 2015 ist sie in die aktive Hospizbegleitung eingestiegen, eine Tätigkeit, die für sie nicht nur belastend, sondern auch sehr bereichernd ist: „Man bekommt eine andere Einstellung zur eigenen Vergänglichkeit." Sie versucht, den Sterbenden Nähe zugeben, sie spüren zu lassen, dass jemand für die da. ist. Das können Gespräche, Lieder, aber auch leichte Berührungen sein. Eine solche Begleitung ist manchmal nur ganz kurz, manchmal aber auch mehrere Wochen lang. Um für sich dann einen Schlusspunkt zu finden, geht sie auf die Beerdigung des von ihr begleiteten Menschen.
Wirklich bis zum letzten Atemzug bei jemandem dabei zu sein, ist für Antonia Krippner auch nach fast 20 Jahren immer noch etwas Besonderes. Durch einen Zeitungsartikel ist sie damals bei der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung als Rentnerin auf die Sterbebegleitung aufmerksam geworden. „Da hieß das noch Sitzwache", erinnert sie sich.
Seither stand sie zahlreichen Männern und Frauen auf dem letzten Weg zur Seite, allerdings, ergänzt sie lächelnd, nur in Gunzenhausen. „Ich fahre nur Fahrrad", so die rüstige Seniorin, die noch lange nicht ans Aufhören denkt. „Ich habe keine Scheu vor dem Tod", betont sie — und ist damit in der geselligen Runde im Garten von Doris Holz nicht allein. Um die Arbeit des ambulanten Hospizdiensts noch bekannter zu machen, werden im November Informationsabende in Gunzenhausen und in Weißenburg angeboten. Der genaue Termin wird, so die Koordinatorinnen, noch bekannt gegeben.

TINA ELLINGER