Altmühlbote vom 05.01.2019:

Hilfe und Begleitung, wenn der Tod näher rückt

Hospizarbeit verlangt Einfühlungsvermögen — Aktiv zuhören, sich auf Patienten einstellen, ihnen Zeit schenken

 Wer jemals einen Menschen beim Sterben begleitet hat, kennt die Situation. Sie geht, wie man so schön sagt, an die Nieren. Will heißen: Sie fordert viel von dem, der einen Schwerstkranken betreut. Im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen engagieren sich derzeit sechs Männer und 29 Frauen im Ambulanten Hospizdienst Altmühlfranken. Sie gehen nach Auskunft von Hospiz-Koordinatorin Sandra Meyer jährlich 60 bis 80 Anfragen aus dem gesamten Landkreis nach. Dabei variiert das Alter der Betroffenen derzeit von 22 bis 98 Jahren. „Die meisten zu Begleitenden sind zwischen 60 und 70 Jahren“, sagt die 43-jährige gelernte Krankenschwester.

 GUNZENHAUSEN — Eine Begleiterin ist Inge Holderied. Die heute 71-Jährige führte zusammen mit ihrem Mann Engelbert viele Jahre das gleichnamige Café in der Gerberstraße. „Es war ein fröhlicher Betrieb“, erinnert sie sich, „das pure Leben“. Bis Anfang der 1990er-Jahre. „Ich wäre beinahe gestorben“, erzählt sie. Eine Krankheit bedrohte ihr Leben, da war sie gerade mal 42 Jahre alt. „Doch der Herrgott wollte mich noch nicht“, sagt die gläubige Frau.

Dafür begann sie, sich intensiver mit der Situation des Sterbens zu beschäftigen. Zufällig las sie in der Zeitung über einen Kurs, wie man mit Sterbenden umgeht. Die Hospizarbeit lag noch in den Kinderschuhen, „es gab zwar Bedarf, aber keiner wollte den Service“, meint Inge Holderied im Rückblick. Man muss sich das mal vorstellen, wie es damals zuging, entrüstet sie sich. Da wurden die Sterbenden im Krankenhaus einfach abgeschoben, ins Bad oder auch mal in die Putzkammer. Schlimm war das, „weil die Menschen alleine sterben mussten“. Das war für sie ein weiterer Impuls, sich näher mit dem Thema auseinander zu setzen. „Es war mir regelrecht ein inneres Bedürfnis.“

Und wie es der Zufall wollte, betrat in dieser Zeit ein gewisser Herbert Riehl ihr Café. Die beiden kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie das gleiche wollten. Die Idee wurde umgesetzt. Caritas, Evangelischer Krankenverein und die Pfarreien wurden ins Café Holderied eingeladen, um über Tod und Sterben zu reden und sich auch mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Es schlug die Geburtsstunde des Hospizvereins, der jüngst sein 20-jähriges Bestehen feiern konnte. Herbert Riehl wurde erster Vorsitzender und Inge Holderied seine Stellvertreterin. Konzepte wurden erstellt, Kurse vorbereitet und letztlich ein Anforderungsprofil erarbeitet, was ein Hospizbegleiter mitbringen soll.

An erster Stelle steht die Bereitschaft, sich dem Thema überhaupt zu stellen, erläutert Sandra Meyer, die seit fünf Jahren zusammen mit ihrer Kollegin Doris Holz die Dienste der Begleiter koordiniert. In 110 Theoriestunden lernen Interessierte, wie aktives Zuhören funktioniert, welche Möglichkeiten sich in eine Begleitung integrieren lassen, aber auch, dass man sich letztlich „ganz und gar auf den Patienten einstellen muss“, so Meyer. Es geht eben nicht, dass die Begleiter mit einer eigenen Erwartung zum sterbenden Patienten gehen. „Denn so individuell wie wir leben, sind wir auch im Sterben“, sind sich die erfahrenen Sterbebegleiter sicher.

Inge Holderied erzählt von einer 89-jährigen Dame, die geistig noch rege, sich eben aber auch alters- und krankheitsbedingt seit längerem dem Tod nähert. Sie spielte der Frau ein wenig mit ihrer Veeh-Harfe vor, ein Saitenzupfinstrument, das ohne Notenkenntnisse gespielt werden kann. Dazu las Holderied ihr zwischendurch aus der Bibel vor. „Ich freue mich auf meinen Herrn“, sagte ihr die alte Dame. Sie wollte unbedingt zu Hause sterben, also richtete der Hospizverein kurzfristig einen Drei-Schicht-Betrieb bei ihr ein.

„Begleiter sind dazu da, Zeit zu schenken und übernehmen keine Pflege“, erklärt Sandra Meyer. „Netzwerkarbeit ist hier unabdingbar.“ Häufig gibt es noch Redebedarf in vielen Familien, insbesondere dann, wenn die letzten Dinge nicht geklärt sind, wenn etwa eine Versöhnung zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter bislang vergeblich war.


Schwere Stunden

Die beiden Frauen haben viele Erfahrungen gesammelt. Inge Holderied auch in der eigenen Ehe, als ihr Mann zu Hause bis zu seinem Tod von ihr betreut wurde. Sterben ist nicht immer leicht, wissen sie und erzählen die Geschichte einer 83-Jährigen, die mitten unter dem Vorlesen von „Bob, der Streuner“ laut „Scheiße“ rief. Auf die erschrockene Nachfrage nach dem Grund des Ausbruchs antwortete sie lapidar: „dass es bei uns keine aktive Sterbehilfe gibt“. Wann wäre denn für sie der richtige Moment, ihr Leben zu beenden? „Immer dann, wenn es mir so übel wird.“

Besonders Tumorerkrankte leiden häufig unter massiver Übelkeit, weiß Inge Holderied. In diesem Fall wurde — durch gutes Zuhören — dieses Problem erkannt und der Hausarzt stellte die Medikation um, sodass die Symptome gelindert werden konnten und ein guter Abschied möglich war. Der  Palliativmedizin kommt also ebenfalls eine große Bedeutung zu, genauso wie die Tatsache, diesen letzten beschwerlichen Weg nicht alleine gehen zu müssen. Die Mitarbeiter des Hospizdiensts sprechen dabei bewusst von Begleiten und nicht von Helfen.


Eine interessante Beobachtung haben die beiden Hospizkräfte auch gemacht: Ihre Patienten öffnen sich leichter ihnen gegenüber als beispielsweise ihren Familienangehörigen. Sandra Meyer hat eine einfache Erklärung dafür: „Unsere Liebsten liegen uns am meisten am Herzen, wir wollen sie schützen und möglichst wenig belasten. Daher öffnet man sich leichter einem neutralen Gesprächspartner. Hier können sie auch ohne Scheu ihren Tränen freien Lauf lassen.“ Vorab-Gespräche mit den Betroffenen lohnen sich immer, betonen Meyer und Holderied, und auch wenn sie sich selbst als gläubige Christen verstehen, spiele die Konfession überhaupt keine Rolle. „Wir sehen den Menschen und nichts anderes“, legen sie Wert auf diese Feststellung.

Viele wollen es allein schaffen und holen sich erst im letzten Moment Hilfe, wissen sie aus Erfahrung, geben aber zu bedenken: „Je früher jemand kommt, desto mehr können wir unterstützen“. Damit das auch weiterhin gelingen kann, benötigt der Ambulante Hospizdienst Altmühlfranken weitere ehrenamtliche Frauen und Männer für diesen so wichtigen Dienst am Leben. Im Februar 2019 startet ein neuer Kurs für Hospizbegleiter. Nähere Informationen können unter 09831/619161 oder www.hospizdienst-af.de eingeholt werden.

 REINHARD KRÜGER